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09.08.20 22:09 Alter: 2 Monat(e)
Kategorie: Top Stories, Leichtathletik, Leistungssport, Wettkampfsport
Von: Reinhard Köchl

DM Braunschweig 2: Drei "Geistermeister" aus dem Freistaat und ein fulminanter bayerischer Rekord

Auch der zweite Tag der Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Braunschweiger Eintracht-Stadion wurde von zwei prägenden Faktoren bestimmt: Zum einen die gespenstische Atmosphäre im weiten Rund und zum anderen die drückende, mitunter leistungshemmende Hitze. Unter diesen Umständen wiegen die drei Titel von Maximilian Entholzner, Corinna Schwab und Christina Hering sowie vier weitere Medaillen um so schwerer.


Die stärkste deutsche 400-Meter-Meisterin seit Grit Breuer heißt Corinna Schwab. Die 21-jährige Oberpfälzerin schaffte in Braunschweig obendrein einen neuen bayerischen Rekord.

Maximilian Entholzner brachte Bewegung in die Sprunggrube und holte nach der Halle im Frühjahr nun auch im Freien seinen ersten deutchen Weitsprung-Titel.

Für Christina Hering sind deutsche Meistertitel schon fast so etwas wie Routine. Dennoch musste die beste 800-Meter-Läuferin der Republik in den vergangenen Jahren bei der DM in Braunschweig ganz schön kämpfen.

Domenika Mayer (rechts) wurde für ihr couragiertes Rennen in der Hitze des Eintracht-Stadions mit Bronze belohnt.

Zufrieden mit Rang vier nach seiner Verletzungspause war der frühere Deutsche 400-Meter-Meister Johannes Trefz.

Die gleiche Platzierung gab es für Konstantin Wedel über 3000 Meter Hindernis.

Sehr gute fünfte Plätze gab es für Kerstin Hierscher (rechts) über 1500 Meter . . .

. . . und Michael Adolf über 400 Meter Hürden.

Auch die Jüngeren ließen aufhorchen. Mit neuen Bestleistungen im Endlauf überzeugten Mona Mayer über 400 Meter . . .

. . . und Miriam Backer über 400 Meter Hürden. Fotos: Claus Habermann/Theo Kiefner

Die Titelkämpfe von Braunschweig werden vielen Sportlerinnen und Sportlern sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben. Natürlich überwog zunächst die Dankbarkeit, dass der Deutsche Leichathletik-Verband (DLV) nach wochenlangen Trainingseinschränkungen oder Komplettausfällen wie etwa in Bayern sowie dem Wegfall sämtlicher internationaler Meisterschaften inklusive der Olympischen Spiele doch noch eine "Late Season" mit den Titelkämpfen als Höhepunkt organisiert hatte. Mit einem strengen Hygienekonzept war dies möglich - auch unter Einbeziehung der zunächst gestrichenen Laufwettbewerbe. Dass allerdings einige der Stars der deutschen Leichtathletik den Termin nicht wahrnehmen wollten, sorgte für Kopfschütteln bei den angetretenen DM-Startern. Das Erfreuliche dabei war der Umstand, dass dadurch junge Talente die Gelegenheit bekamen, ihre Können zu zeigen - auch aus Bayern.

Wie sehr das Konzept des DLV mit der "heißen Nadel" gestrickt und überwiegend nach den Bedürftnissen des Fernsehen ausgerichtet war, bekamen vor allem die Sportler aus entlegenen Landesverbänden zu spüren, die sich nicht für die Finals am Sonntag qualifiziert hatten. Was sonst zu einem mehr oder weniger entspannten zweiten Tag auf der Zuschauertribüne geführt hätte, sorgte diesmal streckenweise für Ratlosigkeit. Wo sollten die Athletinnen und Athleten, die überwiegend in Fahrgemeinschaften teilweise über 500 Kilometer angereist waren, diesmal aber nicht ins Stadion durften, ihre freie Zeit verbringen? Im Park? Im Schwimmbad? Im Auto? Die Hotels mussten häufig schon bis spätestens 12.00 Uhr geräumt sein, was auch für so manchen Finalteilnehmer, der erst am frühen Abend zum Einsatz kam und frühestens zwei Stunden vorher ins Stadion durfte, bei 35 Grad im Schatten zu einem Problem geriet.

Danach: Kein Duschen, keine Siegerehrung, Medaillen im Wettkampfbüro, verschwitzt ins Auto und nach Hause. Es gab niemanden, der murrte, weil Deutsche Meisterschaften in einem Jahr wie diesem eben etwas ganz Besonderes, ein Fingerzeig Richtung Normalität sind. Aber gleichzeitig waren sich auch alle einig, dass solche Titelkämpfe unbedingt die Ausnahme bleibenund nicht zur Regel werden sollten.

Bestens in Erinnerung behalten wird Braunschweig auf jeden Fall Weitspringer Maximilian Entholzner (LAC Passau). Nach seinem Hallentitel von Leipzig holte er sich nun auch im Freien zur  Mittagszeit nationales Gold. Julian Howard (LG Region Karlsruhe), der Deutsche Meister von 2017 aus Karlsruhe, legte in Runde eins mit 7,70 Metern vor. Bei schwierigen Windbedingungen mit viel Wind von vorn tat sich Entholzner lange schwer und lag bis Runde fünf nicht einmal in den Medaillenrängen. Dann hob er ab und segelte bis auf 7,96 Meter – Bestleistung eingestellt und Traum vom ersten Freiluft-Titel erfüllt!

"Ich war erstmal glücklich, dass der erste Versuch gültig war, wenn auch ohne Brett. Bei den letzten Wettkämpfen hatte ich jeweils drei Ungültige in den ersten Versuchen", erklärte der blonde Niederbayer anschließend mit einem zufriedenen Lächeln. "Wir hatten heute starken Gegenwind und ich bin anfangs mit dem Anlauf nicht richtig zurecht gekommen. Im fünften Versuch hat der Wind etwas gedreht, das habe ich genutzt. Der Sprung war auch perfekt am Brett und hat sich gut angefühlt. Bestleistung eingestellt, geil! Da ich in Madrid wegen der Corona-Zeit mit meiner Gruppe nicht trainieren konnte, bin ich nach Deutschland. Da konnte ich zumindest bei meinen Eltern am Bauernhof auf dem Land trainieren. Ich hoffe, dass ich am 20. August wieder zurück nach Spanien fliegen kann. Im September geht mein Studium weiter, mir fehlt noch ein Jahr bis zum Master."

Im schnellsten 400-Meter-Finale seit vielen Jahren bei Deutschen Meisterschaften wurde Corinna Schwab (LG Telis Finanz Regensburg) ihre Favoritenrolle mehr als gerecht. Immerhin besaß die gebürtige Ambergerin, die jetzt bei Bundestrainer Jörg  Möckel in Chemnitz trainiert, in dieser Saison eine blütenweiße Weste, das heißt, sie lief in allen Rennen als Siegerin durchs Ziel. Dass dies auch in Braunschweig so bleiben sollte, ließ Corinna Schwab gleich jede Konkurrentin ab dem ersten Schritt spüren. Schon nach 100 Metern hatte sie fast zur vor ihr laufenden früheren Bayerin Alica Schmidt (SCC Berlin) aufgeschlossen, auf die Zielgerade bog sie mit deutlicher Führung ein. Dann hieß es: Zähne zusammenbeißen, denn Karolina Pahlitzsch (LG Nord Berlin) und Ruth Sophia Spelmeyer (VfL Oldenburg) ließen nicht locker.

Schließlich blieben gleich zwei Athletinnen unter der 52-Sekunden-Marke – ein Ereignis, das es bei Deutschen Meisterschaften zuletzt 2001 gab! Corinna Schwab brachte ihre Führung mit grandiosen 51,73 Sekunden ins Ziel, besser war bei einer DM zuletzt 2001 Grit Breuer. Damit verbesserte sie auch ihren eigenen bayerischen Rekord (51,97 Sekunden),den sie Anfang  Juli in Berlinaufgestellt hatte.

"Ich wollte auf jeden Fall meine Bestzeit angreifen. Es ging mir hauptsächlich um den Sieg, aber diese Zeit ist das I-Tüpfelchen für mich. Darüber freue ich mich riesig", gestand  Corinna Schwab. "Das ist eine gute Steigerung. Ich konnte während des Laufes die Vorgaben meinesTrainers gut umsetzen und die zweite Hälfte des Rennens gut Tempo machen. Wir haben ein gutes Modell für meine Renngestaltung gefunden."

Karolina Pahlitzsch steigerte sich um 72 Hundertstel auf 51,88 Sekunden, dahinter war auch Ruth Sophia Spelmeyer (52,15 sec) schnell wie lange nicht. 52,21 Sekunden reichten Alica Schmidt dahinter nur zu Rang vier – neunmal in den vergangenen 20 Jahren wäre sie mit dieser Zeit Deutsche Meisterin geworden. Dass in diesem superschnellen Rennen mit der Deutschen U 20-Hallenmeisterin Mona Mayer (LG Telis Finanz Regensburg) trotz der ungünstigen Bahn eins zu einer neuen Bestzeit von 53,43 Sekunden und Platz sieben stürmte, ging fast ein wenig unter.

Bei den männlichen Viertelmeilern muss man erfreut konstatieren, dass die Formkurve bei den beiden Vorzeigeathleten Patrick Schneider (LAC Quelle Fürth) und JohannesTrefz (TSV Gräfelfing) wieder nach oben zeigt. Mit starken 46,12 Sekunden lieferte Schneider den Marvin Schlegel (LAC Erdgas Chemnitz; 45,80 Sekunden) und Manuel Sanders (LG Olympia Dortmund; 46,01 Sekunden) einen harten Fight und gewann am Schluss Bronze mit 46,12 Sekunden. Knapp dahinter landete Trefz in 46,41 Sekunden auf dem vierten Platz.

Das gesamte 800-Meter-Finale von der Spitze weg bestritt Christina Hering (LG Stadtwerke München). Sage und schreibe zehn deutsche Titel, je fünf in der Halle und fünf im Freien, hatte sie zuvor auf dem Konto. Jetzt kommt in 2:01,62 Minuten der elfte dazu. Zwar war ihr die Konkurrenz auf den Fersen, aber auch auf der Zielgerade ließ die Münchnerin keinen Konter zu. Den besten Spurt zeigte hier jedoch Tanja Spill (LAV Bayer Uerdingen/Dormagen; 2:02,07 Minuten), die noch knapp an Katharina Trost (LG Stadtwerke München; 2:02,27 Minuten) vorbeizog und damit wie in den Jahren zuvor einen Münchner Doppelsieg verhinderte.

"Das Rennen von letzter Woche hat mir viel Selbstvertrauen gegeben", diktierte Christina Hering anschließend den wartenden Journalisten in die Blöcke. "Deswegen war es meine Renntaktik, schnell loszulaufen. Ich war darauf vorbereitet, dass die eine oder andere eine Attacke setzt oder wieder zu mir aufläuft. Mir tut es leid, dass Majtie Kolberg innen an mir vorbei ist und ich sie dann unabsichtlich am Arm erwischt habe. Dann hat die ganze Zeit jemand laut gepfiffen und ich war verwirrt, ob ich disqualifiziert bin. Das hat mich auf den letzten 200 Metern etwas rausgebracht. Die Zielgerade hat sich trotzdem noch gut angefühlt. Ich bin froh, dass ich mit dieser Zeit ins Ziel gekommen bin. Es waren harte Bedingungen. Ich habe jetzt richtig gespührt, dass ich dringend in den Schatten muss. Ich freue mich riesig über den fünften Titel in Folge. Ich sehe das als Belohnung für acht harte Wochen, in denen wir alleine trainieren mussten."

Weniger Glück hatte bei den Männern der dreifache Deutsche 800-Meter-Meister Benedikt Huber (LG Telis Finanz Regensburg). Für ihn blieb im Finale, das Marc Reuther (LG Eintracht Frankfurt; 1:46,97 Minuten) gewann nur Rang sieben (1:50,74 Minuten). Ebenso traurig war Konstantin Wedel (LG Telis  Finanz Regensburg) und Niklas Buchholz (LSC Höchstadt/Aisch), die im Endlauf über 3000 Meter Hindernis auf den undankbaren Plätzen vier (8:54,02 Minuten) und fünf (8:55,38 Minuten) landeten. Dass die Läufer generell unter den hohen Temperaturen stöhnten, schien zumindest Domenika Mayer (LG Telis Finanz Regensburg) nichts anhaben zu können. In einer wahren Hitzeschlacht bei 36 Grad hatte Mayer lange an der Spitze und dann in einer Verfolgergruppe hinter der Siegerin Alina Reh (SSV Ulm 1846) das Tempo bestimmt. In ihrem Windschatten nutzte Rabea Schöneborn (LG Nord Berlin; 16:18,57 Minuten) kurz vor dem Ziel die Chance für eine Attacke und schnappte sich vor Mayer die Silbermedaille. Die Regensburgerin gewann in 16:199,00  Minuten Bronze.

Platz zwei hinter Europameister Mateusz Przybylko (TSV Bayer 04 Leverkusen) - so lautete die optimale Ausbeutung für Tobias Potye (LG Stadtwerke München) an diesem heißen Sonntagnachmittag. 2,20 Meter standen für den Münchner am Schluss zu Buche. Aus bayerischer Sicht noch erfreulich waren die Plätze sechs und sieben für Lucas Mihota (LG Stadtwerke München; 2,10  Meter) und Manuel Marko (MTV 1881 Ingolstadt; 2,05 Meter).

Auf zufriedenstellenden fünften Rängen landete in der Endabrechnung Speerwerfer Jonas Bonewit (LG Stadtwerke München; 69,56 Meter), 1500-Meter-Läuferin Kerstin Hierscher (LAC Quelle Fürth; 4;18,60 Minuten) und 400-Meter-Hürdenläufer Michael Adolf (TSV Gräfelfing; 52,30 Sekunden). Auch für Andreas Kölbl (TSV Penzberg) war die Teilnahme am Finale über 400 Meter Hürden und Rang sieben ein Erfolg (52,77 Sekunden). Die gleiche Platzierung schaffte bei den Frauen über 400 Meter Hürden Miriam Backer (TSV Zirndorf). Sie kam nach 60,49 Sekunden ins Ziel, was gleichzusetzen mit einem Hausrekord war.

Für Martin Knauer (LG Stadtwerke München) endete das Kugelstoßen mit einem siebten Platz und 17,11 Meter - durchaus im positiven Rahmen. Dagegen musste mit Christian Zimmermann (Kirchheimer SC) nach drei ungültigen Versuchen einer der Mitfavoriten auf eine Medaille seine Sachen packen. Für den 20-Meter-Stoßer eine herbe Enttäuschung.